Leseprobe: Die Erben der alten Zeit-Das Amulett

Minileseprobe aus dem 1. Band der Fantasy Triligie.

Alle drei Teile hier herhältlich:

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Der Markt in Bragesholm war laut Tora und Kunar einer der größten in der näheren Umgebung. Bauern, Händler, Kaufleute, ob Jung oder Alt: hier kamen jeden Frej-Tag Menschen aus ganz Trudheim und Trudvang zusammen. Trudheim und Trudvang hießen die Landstriche der von Lodur verwalteten Ländereien.

Lodur war einer der dreizehn Helfer Odens und wohnte auf Schloss Bilskirne, jenem Schloss, an dem Charlie an ihrem zweiten Tag in Vanaheim vorbeigekommen war.

Als Tora, Kunar und Charlie eintrafen, wimmelte das Städtchen schon von Menschen. Charlie fing langsam an, den Vanaheimer Dialekt nachzuahmen, aber aus Sicherheitsgründen hatten die drei ausgemacht, dass Charlie nicht viel sagen würde. Ihre Aussprache und ihre seltsamen Worte würden nur Aufmerksamkeit erregen und genau das


wollten sie vermeiden.

Bragesholm bestand nur aus wenigen einfachen, flachen Blockhäusern. Der Marktplatz, der in der Mitte des Dorfes lag, wurde von drei aufwändigen Holzbauten umrahmt. Sie besaßen unzählige Türmchen und Giebel mit auffälligen Verzierungen, ähnlich jenen, die Charlie an dem riesigen Schloss aus Naturstein – Schloss Bilskirne – gesehen hatte. Auch hier wechselten sich – allerdings in Holz geschnitzte – schnörkelige Ornamente mit Darstellungen seltsamer Wesen ab. Eines dieser Geschöpfe hatte eindeutig einen Löwenleib, der zum Hals hin in einen Adlerkopf überging. Bei einem anderen Wesen war sich Charlie nicht ganz sicher: Vorne sah es aus wie ein Löwe, der Körper ähnelte allerdings von der Hüfte abwärts einem langen krokodil- oder drachenähnlichen Schwanz. Am Bauch schien eine Art Euter zu hängen. Charlie bestaunte die außergewöhnlichen Kreaturen aus Holz, während sie sich an Tora und Kunars Seite einen Weg durch die Menschenmenge bahnte.

Der Lärm war ohrenbetäubend und es roch eindringlich nach Gewürzen, Schweiß und Tierexkrementen. Charlie wurde durch die enge Passage zwischen den Türmchenbauten und einem Blockhaus gespült.

Vor ihr breitete sich nun der große Marktplatz mit seinen zahlreichen Ständen aus. Das Gedränge hörte auf, weil sich die Menschen in den Gassen zwischen den Buden und Ständen verteilten, wie ein Fluss, der auf das offene Meer trifft. Charlie schaute sich um.

Wo waren Tora und Kunar?

Sie hatten Gyller dabei, wahrscheinlich waren sie vor dem Durchgang zum Marktplatz stecken geblieben. Charlie trat zur Seite. Während sie wartete, inspizierte sie das Warenangebot in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Hinter einem Berg verschiedener Stoffe nahm sie eine dicke Frau mittleren Alters wahr. Wenn sie auf Zehenspitzen stand, ragte ihr Kopf gerade noch über die aufgetürmten, edlen Waren. Eben schenkte sie einer schlaksigen Kundin ein strahlendes Apfelbacken-Lachen und zwitscherte fröhlich: »Na, Torgunn, was soll‘s denn heute sein? Ich habe brandneues Seidenspinnergarn aus Lifsheim. Sehr selten. Sehr exklusiv! Lifsheim-Garn ist besonders fein und ausgesprochen strapazierfähig! Bitte sehr, fühle selbst!« Sie reichte ein glänzendes, weinrotes Knäuel Garn über den Berg aus Stoffen. »Selbstverständlich in allen gängigen Farben erhältlich!«

Die Marktbesucherin inspizierte das Knäuel aufs Genaueste. Währenddessen ließ Charlie ihren Blick über das Sortiment gleiten. Gewebte Seidenstoffe in rostbraun, smaragdgrün, weinrot, rubinrot, terrakotta, ozeanblau und in vielen anderen kräftigen Tönen stapelten sich neben Körben mit Garnen in allen nur erdenklichen Farben. Andere Körbe enthielten Bänder, Schleifen, Kordeln und Borten, zudem Schiffchen aus dunklem und elfenbeinfarbenem Horn oder fein poliertem Holz zum Verweben des Garnes.

Neben den aufgetürmten Waren webte eine uralte Frau mit einem Gesicht wie ein chinesischer Faltenhund einen dicken Wandteppich. Ihre Hände bedienten flink einen gigantischen Webstuhl aus Holz. Das halb fertige Motiv zeigte ein aufwändiges Muster sowie den Körper eines smaragdgrün und ozeanblau schimmernden Drachen. Eine gelungene Werbung für das farbenprächtige Warensortiment. Gegenüber verkaufte ein bereits ergrauter Herr mit Rauschebart und knolliger Nase Felle und andere Lederartikel. Charlie konnte Mäntel, Umhänge, Schuhe, Hüte, Mützen sowie auch bunt verzierte Röcke, Kleider und Hosen aus Leder erkennen. An einem Pfosten hingen Wassersäcke, ähnlich dem, den sie bei Kunar gesehen hatte.

Gegenüber roch es intensiv nach Kräutern. Ein Sammelsurium würziger Gerüche schwebte zu Charlie herüber. Sie löste sich von dem Stand mit den glänzenden Stoffbergen und schob sich näher heran. Bei jedem Schritt kräuselte sich eine kleine Staubwolke um ihre Füße. In einem kleinen Holzwagen mit Kräutern und Gewürzen war eine Frau mit Dutt damit beschäftigt, Schachteln, Krüge und Körbe zu sortieren. Ihr weinroter Seidenumhang flatterte bei jeder Bewegung. Trotz ihres hohen Alters waren die Bewegungen der Frau flink und sicher.

Charlie sog den Duft von Zimt tief in ihre Lungen. Zimt war das einzige, was sie aus dem Durcheinander von Gerüchen eindeutig erkennen konnte. Zumindest anfangs. Sie atmete noch einmal tief ein und roch zu ihrem eigenen Erstaunen Lavendel und Rosmarin. Verwundert suchte sie mit ihrem unbedeckten grünen Auge die unzähligen Körbe und Krüge ab. Sie hatte sich noch nie für Kräuter interessiert. Eine ihrer Pflegemütter hatte zwar einen Kräutergarten auf der Fensterbank ihrer Küche, Charlie war sich allerdings nie bewusst geworden, dass sie jemals einzelne Kräuter am Geruch voneinander unterscheiden konnte. Jetzt allerdings war sie sich ziemlich sicher.

Lavendel, Zimt und Rosmarin. Woher hatte sie plötzlich diese feine Nase?

Sie schnüffelte sich die Körbe entlang.

Ja, da vorne, das musste Rosmarin sein, und das gelborange Puder in dem braunen Krug war ganz sicher Zimt.

Konzentriert musterte sie die gigantische Auswahl an außergewöhnlichen Gewächsen. Eine geflochtene Schale enthielt ein unscheinbares, getrocknetes Kraut. Charlies Blick blieb daran hängen. Sie wusste nicht warum. Das Kraut war grünbraun und wirklich nicht sehr aufsehenerregend. Sie roch daran. Es hatte nicht einmal einen besonderen Geruch.

Ähnlich wie Heu, dachte Charlie. Es schien jedoch eine kräftige Energie davon auszugehen. Es kribbelte in jedem Winkel ihres Körpers! Während Charlie noch überlegte, ob diese seltsame Kraft ihr Angst machte oder eher positiv wirkte, spürte sie, dass sie beobachtet wurde. Zwei grüne Knopfaugen musterten Charlie ruhig, aber sehr interessiert aus dem Dunkel des Wagens.

Charlie fühlte sich ertappt, hielt aber dem prüfenden Blick der ergrauten Frau stand. Diese verzog keine Miene, griff aber nach einem kleinen sandbraunen Beutel, füllte ihn mit dem merkwürdigen Kraut und reichte ihn Charlie wortlos.

Charlie rührte keinen Finger. Sie starrte die Frau weiterhin gebannt an. Die Hand, die ihr den Beutel entgegenhielt, hatte zwischen Daumen und Zeigefinger ein Pentagramm tätowiert, einen fünfzackigen Stern.

Die Alte ließ den Beutel einige Male vor Charlies Nase hin und her baumeln und sagte dann leicht ungeduldig, mit einer tiefen, sehr rauen Stimme: »Na, nun nimm schon. Du wirst zu gegebener Zeit schon herausbekommen, welche Kraft in diesem Kraut wohnt!«

Charlie streckte die Hand nach dem Beutel aus. Sie konnte die Energie spüren, die von seinem Inhalt ausging. Ihr wurde übel und leicht schwindlig davon. Charlie gingen tausend Fragen durch den Kopf.

Woher wusste diese Frau, dass sie eine Kraft verspürte? Was meinte sie mit ‚zu gegebener Zeit‘? War das Kraut gefährlich?

In diesem Augenblick hörte Charlie ihren Namen rufen.

»Da bist du ja! Wir hatten schon geglaubt, dich verloren zu haben!«

Charlie wirbelte herum und sah Tora und Kunar auf sich zukommen. Dabei musste sie einen sehr dummen Gesichtsausdruck gemacht haben, denn Kunar fing an zu grinsen.

»Hast du in eine Draug gebissen? Oder welcher Schwarzelf ist dir auf die Füße getreten?«

 

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