Minileseprobe aus "Lovisa - Der Riss im Univrsum"

Minileseprobe der Woche 37

 

Ich weiß nicht, ob ich doch eingenickt war. Es war merkwürdig.

Ich sah einem jungen Mann direkt in die Augen. Sie waren blau wie der Ozean und mindestens genauso tief. Ja, ich weiß, das klingt schmalzig. Aber genau das dachte ich, und außerdem war es mein Tagtraum – und hey, da darf ich schmachten!

Er war größer als ich, mindestens einsfünfundachtzig mit dunkelblonden Haaren, die ihm verwegen ins Gesicht fielen. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht auch weniger. Es war schwer zu sagen, denn er hatte solch einen ernsten Blick, den ich nur bei Männern mit Erfahrung kannte. Welterfahrung meine ich, nicht Sex. Obwohl, wer weiß – vermutlich auch das.

Er sah mich an, und sein Atem ging schwer. Er drückte mich gegen eine Hauswand, etwas zu grob für meinen Geschmack.

Was sollte das? Wenn ich schon von meinem ersten richtigen Kuss träumte, dann bitteschön sollte er sanft sein! Mein Herz schlug viel zu schnell, seine Lippen bebten nah an meinen, und dann ...

Anstatt mich zu küssen, wanderten seine Lippen zu meinem Ohr.

»Da ist ... Wir müssen weg …«, wisperte er angestrengt.

Dann brachen die Gefühle über mich herein, widersprüchlich: Panik, Angst, Wut, Erregung, flau im Magen, das Blut rauschte durch meinen Körper, durch meine Lippen. Ich war so aufgewühlt, ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich sah nur diese ozeanblauen Augen. So tief ...

 

Mit einem Ruck fuhr mein Kopf von meinen Armen hoch. Ich sah mich verwirrt um. Emilie versuchte, mir etwas mitzuteilen, zeigte auf ihr aufgeschlagenes Buch.

»Lovisa. Aha. Sie beehrt uns also doch noch mit ihrer geistigen Anwesenheit«, sagte der Lehrer säuerlich. »Wenn es dir nicht zu viel Umstände bereitet, dann lies uns doch bitte weiter vor.«

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach. Ratlos starrte ich ihn an, mit meinen Gedanken bei ozeanblauen Augen und dem Gefühl von panischer Angst, das nicht weichen wollte.

 

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