Drei Mächte - Der Besucher

Ein Buch von M. Meissner/Marla Winter

Fantasy-Roman

 

Klappentext

 

Als ich die Tagebucheinträge meiner Freundin Marla las, konnte ich es kaum glauben. Ein Besucher aus einer anderen Welt? Mächte, die unsere Erde, unser Dasein verschwindend klein erscheinen lassen? Wo war Marla da hineingeraten?
Auf der Suche nach Spuren, ihrem Schicksal, durchforstete ich all ihre Aufzeichnungen. Dies ist ihre Geschichte …


Marla Winter, aufgezeichnet von M. Meissner

 

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Leseprobe

                 Vorwort

 

Dieses Buch habe ich auf der Grundlage von Aufzeichnungen, welche ich von einer Kollegin und guten Freundin erhalten habe, niedergeschrieben. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, das Geschriebene der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aber als meine Freundin Marla mir ihre Notizen damals gab, sagte sie mit Zuversicht in ihrer Stimme, ich würde wissen, was damit zu tun sei, und dass es in meinen Händen besser aufgehoben wäre als in ihren.

Zunächst verstaute ich alles für einige Jahre, ohne einen Blick darauf zu werfen. Dann aber trat ein Ereignis ein, welches mich veranlasste, Marlas Skript hervorzuholen und es zu lesen. Es waren tagebuchähnliche Texte, die aus einer bestimmten Zeit in Marlas Leben stammten. Das, was ich dort las, überraschte und verwunderte mich zutiefst.

Meine Meinung zum Inhalt ihres Tagebuches sollte nicht relevant sein, obwohl ich glaube, dass ich die eine oder andere Stelle beim Schreiben durch meine Interpretationen verfälscht haben könnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich die handschriftlichen Kritzeleien und Zeichnungen ordnen müsste. Ich sage „Kritzeleien“, weil es nicht immer einfach war, Marlas Handschrift zu entziffern, und die Seiten teilweise durcheinandergeraten waren. Jedenfalls habe ich Marlas Tagebuch nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet und glaube, dass mir dies recht gut gelungen ist.

Als ich ein paar Tage nach der Fertigstellung der Abschrift Besuch von einer anderen Freundin bekam, ließ ich sie diese sehen. Als sie mit dem Lesen fertig war, hatte sie die überraschende Idee, dass Marlas Tagebuch veröffentlicht werden sollte. Es dauerte ein paar Tage, in denen ich hin und her überlegte, ob ich dem Vorschlag meiner Freundin folgen sollte. Doch ich erinnerte mich an Marlas Worte und hoffe, dass ich mit der Veröffentlichung in ihrem Sinne handele.

 

                                               Notaufnahme

Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es drei Minuten nach zwei mitten in der Nacht war. Das Klingeln des Telefons neben meinem Bett hatte mich aufgeweckt.

 

„Ja?“, meldete ich mich mit noch verschlafen klingender Stimme.

 

„Entschuldige, dass ich dich wecken muss, Marla. Die Kreisleitstelle hat eben einen Rettungswagen angekündigt. Sie bringen einen circa Ende zwanzig Jahre alten Mann, den die Polizei in der U-Bahn aufgefunden hat. In zehn Minuten sind sie da“, erklärte mir die Nachtschwester am anderen Ende der Leitung kurz.

 

„Okay, bin auf dem Weg“, antwortete ich und begann, mich aus dem Bett zu schälen.

 

Mann, diese Nachtdienste schlauchen!, dachte ich und streckte mich, um etwas wacher zu werden.

 

Ich hatte gerade mal zwei Stunden seit der Aufnahme des letzten Patienten geschlafen. Schlaftrunken tappte ich durch das Bereitschaftszimmer und sammelte meine Klamotten zusammen.

 

Ein kurzer Blick in den Spiegel sagte mir, dass da nicht viel zu retten war. Ich sah aus wie eine lebende Leiche: tiefe Augenringe unter rot geäderten, matten Augen, eine mehr als vornehme Blässe und Haare, die wirr in alle Richtungen abstanden, hätten jeden Maskenbildner, der für Horrorfilme zuständig war, beeindruckt. Ich bändigte schnell meine Locken mit einem Gummiband und verließ das Bereitschaftszimmer.

 

Es lag im Erdgeschoss des psychiatrischen Nebengebäudes des Krankenhauses und war ein ehemaliges Patientenzimmer auf einer stillgelegten Station, eins, das nicht renoviert worden war und auch selten gereinigt wurde. Jedes Jugendherbergszimmer war wahrscheinlich gemütlicher als diese Höhle. Die Matratze war durchgelegen, überall hingen Spinnenweben mit ihren dazugehörigen Bewohnern, und der kleine Fernseher, den einer der Kollegen gespendet hatte, zeigte nur fünf Programme. Aber zum Fernsehen kam ich ohnehin nicht oft, und an ausreichenden Schlaf war auch in dieser Nacht nicht zu denken.

 

Ich beschloss, die Treppe zur Station zu nehmen, was trotz der Notwendigkeit, die Sicherheitstüren aufzuschließen, schneller gehen würde als der Fahrstuhl. Sobald die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, wartete ich ein paar Sekunden, bis ein Klacken mir versicherte, dass die Tür wieder verriegelt war. Dann lief ich die Stufen hinauf. Die Station befand sich im ersten Stockwerk, und die Benutzung der Treppe half meinem Kreislauf, noch etwas mehr in Schwung zu kommen.

 

Seit drei Jahren arbeitete ich nun als Assistenzärztin in der psychiatrischen Abteilung dieses Hauses. Die Arbeit machte mir Spaß – meistens jedenfalls. Natürlich bekam ich auch heftige Sachen und schwere Schicksale mit, und ich musste darauf achten, dass ich die Fähigkeit, abschalten zu können, behielt. Ein gesundes Maß von Nähe und Distanz zu den Patienten war notwendig für die eigene Psychohygiene, also das Wohl der eigenen Seele. Anderen gut zu helfen, funktionierte nur erfolgreich, wenn es mir selbst gut ging und ich nicht kraftlos war. Ich musste mich auf die Patienten einlassen können und durfte nicht zu sehr mit mir beschäftigt sein.

 

Bisher war es mir bei fast allen Patienten gelungen, eine sympathische Seite, die das Gefühl des Wohlwollens in mir weckte, an ihnen zu finden. Natürlich war dies nicht immer leicht, gerade wenn ein Patient in heftigen negativen Stimmungen steckte. Im Gespräch aber konnte ich hinter die Mauer aus Traurigkeit oder Wut blicken. Es kam mir häufig wie ein kleines Wunder vor, was allein meine Zuwendung und Gespräche bei einem Menschen bewirken konnten.

 

Aber es gab auch andere Momente, in denen es nicht möglich war, mit dem Patienten in Kontakt zu kommen, zum Beispiel, wenn er eine Gefahr für sich oder andere darstellte. Dann half kein gutes Zureden, sondern sofortiges Handeln war angesagt. Es kostete mich jedes Mal etwas Überwindung, notwendige Maßnahmen durchzuführen, die gegen den Willen des Patienten geschahen.

 

Szenen wie die, in der wir Polizeibeamte zur Hilfe rufen mussten, blieben im Kopf hängen. Einmal hatten wir einen alten Mann aufgenommen, der sich aufgrund seiner Verwirrtheit im Zweiten Weltkrieg wähnte. Der alte Mann hatte in uns junge Soldaten gesehen, die ihm nach dem Leben trachteten, und aus Leibeskräften um sein Leben gekämpft, wobei er das Mobiliar kurz und klein geschlagen hatte. Es tat mir leid, mit anzusehen, wie die Polizisten ihn schließlich überwältigten und wir ihn an sein Bett gurten mussten. Aber nach der Gabe eines Medikamentes war er wieder ruhiger geworden, der Wahn war verschwunden, und er hatte schon bald nach Hause entlassen werden können.

 

Gerade solche Situationen waren eben typisch für Nachtdienste, und es war nicht immer leicht, den Patienten mit Gelassenheit und Wohlwollen zu begegnen, wenn ich seit dem Morgen des Vortages auf den Beinen war und kaum geschlafen hatte.

 

Mir graute bei dem Gedanken, dass es demnächst verboten werden sollte, Patienten, selbst wenn sie wahnhaft und aggressiv waren, gegen ihren Willen Medikamente verabreichen zu dürfen. Wie sollten wir ihnen dann helfen können? Sie nur an ihr Bett zu schnallen, machte die Situation eher schlimmer. Natürlich gibt es ein Recht auf Krankheit, und jeder kann eine Erkrankung auch akzeptieren und sich gegen eine medizinische Behandlung entscheiden. Aber im Wahn waren die Patienten nicht sie selbst.

 

Einmal hatte ich eine Frau aufgenommen, die die wüstesten und vulgärsten Ausdrücke von sich gab und sich beständig zu entblößen versuchte. Ihr Mann war verzweifelt, hatte sie in seiner Not zu uns in die Klinik gebracht. Nachdem sie wieder klarer war, schämte sich die Patientin, die sich leider noch an alles erinnern konnte, so immens über das Geschehene.

 

Hier drinnen in den Räumen der Psychiatrie war es normal, verrückt zu sein. Aber draußen reagierten die Menschen mit Angst und Ablehnung, wenn eine brave Mutter von nebenan plötzlich schrie, dass sie es mit dem Teufel treibe. Da sagte sich der Nachbar sicher nicht: „Ach, die Gute, hat wohl zu viel Stress gehabt in letzter Zeit, da kann man ja mal rumschreien und sich Luft machen.“ Nein, die Reaktionen waren ganz anders und damit die Rückkehr in das alte Umfeld wie Spießrutenlaufen.

 

Medikamente waren daher eine gute Möglichkeit, schnell gegenzulenken, auch wenn sie die Ursache nicht beheben konnten. Aber sie halfen oft dabei, den Ursachen auf den Grund gehen zu können.

 

Bei mir und meinen Kollegen hier war ich sicher, dass Medikamente nur zum Wohle der Patienten eingesetzt wurden. Doch wie mir die folgenden Erlebnisse zeigten, würde ich bald umdenken müssen.

 

Was mich jetzt wieder erwartete, konnte ich nur mutmaßen. Ich musste es auf mich zukommen lassen, mich auf meine Erfahrungen, das Erlernte und mein Bauchgefühl verlassen.

 

 

 

 

 

„Ah, frisch wie der junge Morgen!“, rief mir Nachtschwester Esther entgegen, als ich die Station durch die letzte Sicherheitstür betrat.

 

Mehr als ein schiefes Grinsen als Kommentar gab ich nicht von mir. Esther war eine rundliche Frohnatur und arbeitete im Gegensatz zu den anderen Kollegen und Kolleginnen gern im Nachtdienst. Sie schaffte es meistens, andere mit ihrer guten Laune anzustecken. Bei mir hatte sie im Moment noch keinen durchschlagenden Erfolg damit.

 

„Wer ist noch im Dienst?“, fragte ich.

 

„Mira und Nadine“, gab sie mir zur Antwort.

 

„Na prima, wieder nur Mädels! Hoffentlich ist der Patient wenigstens ruhig. Weißt du mehr? Ich meine, ist er irgendwie zugedröhnt mit Drogen oder Alkohol, oder ist er aggressiv?“

 

Ein wenig mehr Information vor dem Eintreffen des Patienten wäre hilfreich, dachte ich.

 

„Kann ich nicht sagen, der Typ von der Leitstelle war recht knapp am Telefon.“ Esther zuckte die Schultern.

 

Die physische Unterlegenheit von uns Frauen konnte nachteilig sein in Situationen, in denen wir im Dienst auf aggressive und körperlich überlegene Patienten trafen. Es gehörte schließlich nicht zur Grundausbildung einer Ärztin, sich in Selbstverteidigung zu üben. Manchmal nutzte jedoch genau diese augenscheinliche Schwäche des weiblichen Personals, um den aggressiven Patienten zu beschwichtigen: Wir erschienen schlichtweg weniger bedrohlich – was wir Frauen ja im Grunde meistens auch waren –, und das half den Patienten dann, sich zu entspannen.

 

Mehr als einmal hatte ich zu aufgebrachten Patienten einfach gesagt: „Wissen Sie, ich soll heute hier auf Sie aufpassen, denn das ist mein Job. Sie sind momentan total aufgebracht, und das macht uns und den anderen Patienten Angst. Ich kann Sie nur bitten, sich jetzt hinzulegen, und wir werden Sie dann eine Weile festschnallen müssen. Wir lassen Sie nicht allein, versprochen! Wenn Sie nicht kooperativ sind, können wir auch nichts machen, weil Sie einfach stärker sind, aber es wäre für alle Beteiligten besser, wenn Sie mitmachen würden.“

 

Man denkt es nicht, aber es hat häufig geklappt, und die Patienten kamen dann selbst zur Ruhe.

 

Ich hatte aber auch schon Situationen erlebt, in denen es nicht funktionierte und in denen dann andere Patienten dem Personal zu Hilfe gekommen waren. Dies war zwar nicht im Sinne des Erfinders, zeigte aber, dass die Patienten uns vertrauten und wussten, dass wir auch manchmal unbequeme Wege gehen mussten, um helfen zu können. Außerdem hatte es ihnen sichtlich gutgetan, auch mal uns helfen zu können.

 

 

 

Der Fahrstuhl gab ratternde Laute von sich, und nach einer Weile ging die Tür auf. Zwei Sanitäter schoben eine Trage in den Eingangsbereich, dahinter folgten zwei Polizeibeamte. Esther öffnete die Sicherheitstür.

 

Erst einmal Informationen von der Situation in der U-Bahn einholen, bevor die Sanitäter gleich wieder weg sind!, dachte ich und trat ihnen zügig entgegen, denn Sanitäter hatten häufig die Angewohnheit, sofort zu verschwinden, sobald sie die Patienten abgeliefert hatten.

 

„Schönen guten Abend!“, sagte der jüngere der beiden Sanitäter, den ich hier noch nicht gesehen hatte. Er wirkte engagiert und dynamisch und begann gleich pflichtbewusst seinen Rapport: „Wir haben hier einen Patienten, den Passanten in verwirrtem Zustand in der U-Bahn aufgefunden haben.“

 

„U-Bahn, das heißt Hamburg!? Warum seid ihr nicht dort in die Psychiatrie gefahren?“, beschwerte ich mich.

 

Die einzelnen Psychiatrien hatten klar umschriebene Einzugsgebiete, und wir waren gehalten, die Menschen aus unserem Sektor zu versorgen. Und der endete nun einmal vor den Toren Hamburgs. Am Morgen würde ich dem Chef wieder erklären müssen, warum ich einen Patienten aus einem anderen Sektor aufgenommen hatte. Und abgesehen davon war meine schöne Nachtruhe dahin und nicht die vom Hamburger Kollegen!

 

„Ihr seid näher dran, und wir sind so gerne bei euch – wegen des guten Kaffees!“ Der ältere Sanitäter, der einen ruhigen und routinierten Eindruck machte, grinste mich an. Ich hatte ihn schon ein paar Mal hier gesehen.

 

Wie ich schon mehrfach festgestellt hatte, war die Kombination aus jung und dynamisch mit alt und erfahren beliebt, sowohl bei den Sanitätern als auch bei Polizeibeamten.

 

„Sehr witzig! Also gut. Ist er aggressiv?“, erkundigte ich mich weiter.

 

„Na ja! Ein bisschen gewehrt hat er sich schon, und da er nicht gerade schmächtig ist, haben wir ihn lieber festgeschnallt“, sagte einer der Polizeibeamten. „Er war ganz kooperativ, auch wenn er nicht viel redet.“

 

Auch den Polizisten kannte ich von anderen Einsätzen hier im Krankenhaus. Er war immer sehr freundlich und korrekt anderen gegenüber, wusste aber auch, wann es Zeit war, zu handeln. Ich achtete die Arbeit der Polizisten sehr, denn sie waren es, die ihren Kopf hinhalten mussten, wenn es draußen brenzlig wurde. Und manchmal kamen sie uns ja auch hier im Krankenhaus zu Hilfe.

 

„Spricht er Deutsch?“, fragte ich weiter und erhielt ein Kopfnicken des Beamten als Antwort.

 

Ich ging auf die Trage zu. Der Mann, der dort festgeschnallt war, blickte sich fragend um und drehte seinen Kopf zu mir, als ich ihn ansprach: „Hallo, mein Name ist Doktor Winter. Können Sie mich verstehen?“

 

Als ich in seine Augen schaute, fühlte ich mich mit einem Mal ganz … seltsam. Er hatte strahlend grüne Augen, und ich hatte angesichts der Intensität, die in seinem Blick lag, das Gefühl, nichts vor ihm verbergen zu können. Das mag merkwürdig klingen, aber es war so. Unerklärlich auch für mich.

 

Er antwortete mit einer unglaublich wohlklingenden Stimme: „Ja, das kann ich.“

 

Ich war irritiert von seinem Blick und seiner Stimme und musste die Augen kurz schließen. Dann bemühte ich mich, in sachlichem und professionellem Ton weiterzureden.

 

„Wissen Sie, wo Sie hier sind?“

 

„Nein, das … weiß ich … nicht“, antwortete er langsam und etwas stockend.

 

„Haben Sie Schmerzen?“, fragte ich weiter.

 

„Nein, da ist nur diese Kälte in mir.“

 

„Okay, wir werden Sie jetzt losmachen. Werden Sie ruhig bleiben?“, fragte ich ihn.

 

„Das werde ich. Ich denke, Sie sind gute Menschen.“

 

Wenn das nur alle immer gleich so sehen würden, dann wäre vieles hier einfacher, ging mir durch den Kopf.

 

Die Sanitäter lösten die Gurte und empfahlen dem Mann, langsam aufzustehen, falls er Kreislaufprobleme bekäme und ihm dann schwindelig werden könnte. Mira hatte zwischenzeitlich ein Bett gebracht und bat ihn, sich dort hineinzusetzen, was er auch widerspruchslos tat.

 

Froh, der Situation erst einmal ausweichen zu können, ging ich mit den Sanitätern ins Dienstzimmer. Dieser Patient irritierte mich aus mir unerklärlichen Gründen sehr, und ich musste mich erst mal zurückziehen und mich sammeln. In seiner Nähe fühlte ich mich unsicher wie ein kleines Mädchen. Er hatte nicht viel gesagt und getan, war sogar kooperativ, und trotzdem löste er diese Gefühle in mir aus. Es konnte nicht nur daran liegen, dass er verdammt gut aussah, denn das brachte meine Professionalität normalerweise nicht ins Wanken.

 

Ich bat die Sanitäter um mehr Informationen.

 

Der junge Dynamische berichtete sofort:

 

„Gegen ein Uhr fünfzehn hat ein Passant, der in der U-Bahn gewartet hat, ein starkes Flackern der Lichter an der Haltestelle bemerkt. Das Licht ist kurz ausgegangen, und dann ist dieser Typ vom anderen Ende der Haltestelle auf ihn zugekommen. Er sei komisch gelaufen, und als der Passant ihn angesprochen und gefragt hat, ob er Hilfe brauche, habe der nur, Wo bin ich?‘ gestammelt. Dann hat er sich so merkwürdig gekrümmt und nicht mehr auf weitere Ansprache reagiert.“

 

Sein Kollege ergänzte: „Na, und dann hat der Passant den Notruf gewählt. Der hinzugekommene Notarzt hat entschieden, dass der Patient psychiatrisch aufgenommen werden muss, da die Vitalparameter in Ordnung gewesen sind. Als der Patient sich auf die Trage legen sollte, hat er meinen Kollegen und mich weggeschubst. Die beiden Polizisten, die in der Nähe waren, überredeten ihn dann mit etwas Nachdruck, den Anweisungen zu folgen. Im Krankenwagen ist der Mann ganz ruhig geblieben, gekrampft hat er auch nicht.“

 

Die Polizisten waren ebenfalls ins Dienstzimmer getreten und baten mich um eine Unterschrift für ihren Bericht.

 

„Wir werden doch nicht mehr gebraucht, oder?“, meinte der Ältere von beiden.

 

Ich schüttelte den Kopf. Daraufhin verließen sie die Station in Richtung Fahrstuhl, während sich die Sanitäter ins Dienstzimmer setzten, nachdem Mira sie mit Kaffee versorgt hatte. Esther war beim Patienten geblieben, und Nadine stand etwas hilflos neben ihr. Sie war neu in der Psychiatrie, eine Lernschwester.

 

Ich war froh, dass die Sanitäter noch blieben, denn ich wusste nicht, wie der Patient weiterhin reagieren würde. Bisher lief es gut, aber ich behielt ihn die ganze Zeit im Auge, während ich schnell etwas in den PC eingab.

 

Der Mann war etwa ein Meter achtzig bis ein Meter fünfundachtzig groß, schlank, etwas muskulös und hatte dunkelblondes, ziemlich strubbliges Haar, das ihm wirr ins Gesicht hing und ihm etwas Verwegenes verlieh. Ebenmäßige, fast aristokratische Gesichtszüge konnte ich erkennen, obwohl sein Gesicht momentan ziemlich verdreckt war.

 

Esther reichte ihm gerade ein Tuch und bot ihm etwas zu trinken an.

 

Ich war mit meinem Computereintrag fertig und musste mich wirklich überwinden, wieder zu ihnen hinauszugehen, denn ich befürchtete, mich in der Nähe des Patienten wieder so unsicher zu fühlen wie Minuten zuvor. Irgendwie ging es mir wie Nadine, die immer noch hilflos neben dem Bett stand und nicht so recht wusste, was sie machen sollte. Aber ich hatte keine Wahl: Dies war mein Job, und ich war im Gegensatz zu Nadine doch kein Neuling mehr! Da musste ich jetzt durch, und schließlich war der Mann doch bisher ganz umgänglich gewesen.

 

Ich atmete einmal tief durch und trat entschlossen in den Flur hinaus und an das Krankenbett. In gewohnt professionellem Tonfall sagte ich, wobei ich vermied, den Mann direkt anzuschauen: „Okay, wir schieben Sie jetzt erst einmal ins Zimmer. Legen Sie sich bitte hin!“

 

„Ich kann laufen!“, antwortete er.

 

„Ich möchte Sie erst untersuchen, bevor Sie hier rumlaufen. Nicht, dass Sie uns zu Boden gehen“, erklärte ich ihm.

 

Er blickte mich mit diesen unglaublich grünen Augen an, lächelte ein wenig und ließ sich auf das Bett sinken.

 

Und zack!: Herzklopfen, weiche Knie, Kloß im Hals. Und meine ärztliche Souveränität platzte wieder wie eine Seifenblase. So etwas hatte ich ja noch nie und schon gar nicht bei einem meiner Patienten erlebt. Ich war froh, nach dem Metallbügel des Bettes greifen zu können, so wackelig auf den Beinen fühlte ich mich.

 

Esther, Nadine und ich schoben den Patienten in das Überwachungszimmer gleich neben dem Stationszimmer. Während die beiden Krankenschwestern das Bett richteten, verließ ich das Zimmer sofort wieder, um mich draußen erneut zu sammeln. Ich räusperte mich mehrmals und versuchte, durch ruhige Atemzüge meine bedenklichen Symptome in den Griff zu bekommen.

 

Na toll, jetzt muss ich ihn auch noch untersuchen!, schoss es mir in den Kopf. Wenn ich so schon in seiner bloßen Gegenwart reagiere, wie soll das erst werden, wenn ich ihn bei der Untersuchung auch noch berühren muss?

Immer noch unsicher, infolgedessen auch unwillig, holte ich mein Stethoskop und kehrte in den Überwachungsraum zurück.

 

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