Leseprobe aus "Das Vermächtnis der Lil`Lu: Lovisa - Der Riss im Universum"

Leseprobe aus dem 2. Band der Fantasy Reihe Das Vermächtnis der Lil`Lu.

 

Ausgelassen redeten, lachten, tranken und naschten die Gäste – wenn man uneingeladene Menschen so nennen konnte. Immerhin kannte ich die meisten.

»Isa! Prost! Wie geht’s denn nun mit deiner Geschichte weiter!«, brüllte Josefin vom anderen Ende des Wohnzimmers, um Abstand, Musik und das Geschnatter zu überwinden. Sie hielt ihr Glas hoch. Ich prostete zurück und hoffte, dass keiner auf ihre Frage ansprang. Weit gefehlt.

»Oh ja!«, rief Emilie. Ihre Augen glänzten. Allerdings nicht vom Alkohol, denn damit war sie schon immer sehr vorsichtig gewesen. »Lies es vor! Ich bin sooooo gespannt!«

Simon ließ sich auf meine Sessellehne fallen.

»So ein begehrtes Mädel«, spöttelte er, doch der Stolz blitzte in seinen Augen auf. Immerhin betrachtete er – und alle anderen – uns als so gut wie verkuppelt. Ich schnaubte und setzte erneut an, ihn zu Boden zu schubsen. Dieses Mal war er vorbereitet und ich


chancenlos.

Josefin wirbelte heran, in der einen Hand ihr Getränk und in der anderen …

»Hey, was soll das!«

Ich fuhr empört vom Sessel hoch und verschüttete meine Cola-irgendwas Hartes über Simons Beine. Seine Flüche gingen in Josefins und meinem Kampf um meinen Schreibblock unter, den sie doch tatsächlich aus meiner Schultasche herausgekramt hatte. Offenbar hatte ich die neben dem Sofa fallen gelassen, bevor ich eingeschlummert war.

»Oh bitte, bitte, bitte!«

Josefin hüpfte vor mir auf und ab wie ein Flummi. Ihr Getränk hüpfte ebenfalls, und zwar auf den Boden. Die Hälfte der Gäste sah uns belustigt zu. Nachdem sie erfahren hatten, worum es ging, ergriff Marcus das Wort.

»Alle mal herhören! Isa hat ihre Geschichte weitergeschrieben, und hier gibt‘s ein paar ausgeflippte Fans, die keine Ruhe geben, bis unsere Thriller-Queen ihre neuesten Ergüsse preisgibt.«

Ich schlug die Hände vors Gesicht und kapitulierte. Kurze Zeit später hingen mir zwanzig gespannte Augenpaare an den Lippen. Ich las den Abschnitt von Sveas Entführung vor, inklusive des Teils, den ich am Vortag geschrieben hatte.

Marcus‘ anfängliches blödes Grinsen über die erzwungene Lesung ging in einen anerkennenden Gesichtsausdruck über. Auch Filip hatte aufgehört, an Amanda herumzufingern, was einen Anflug von Eifersucht bei ihr verursachte. Sie biss sich auf die Lippen und hörte gnädig zu.

Ich näherte mich dem bisherigen Ende meiner Geschichte.

 

Als Svea erwachte, lag sie einsam in einem Waldstück. Der Boden unter ihr war weich und feucht. Ein leichter Wind spielte mit ihren verklebten Haaren, eine Gänsehaut überzog ihren halb nackten Körper. Svea hatte keine Ahnung, wo sie war. Doch eines wusste sie mit seltsamer Gewissheit: Ihr Kind lebte! Tomas würde in dem Baby weiterleben …

 

Meine Stimme stockte. Eine Gänsehaut überzog mich. Eine Art Lähmung überkam mich.

Sein Kind lebt … Ihr Kind lebt …

Wie ein flüsterndes Echo wiederholten sich die Worte in meinem Kopf.

Das Kind lebt …

»Lies weiter!« Josefins Stimme riss mich aus meiner Starre. Ich schüttelte das beklemmende Gefühl ab, verdrängte das Flüstern in die hinterste Ecke meines Bewusstseins.

»Mehr hab ich noch nicht«, antwortete ich mit belegter Stimme.

Ich räusperte mich verlegen. Hatte jemand etwas bemerkt? Mein Blick huschte zu Amanda. Sie runzelte missbilligend die Stirn. Ich hatte keine Ahnung, ob es wegen Filip war, oder … Ich schluckte tapfer und hielt den Blicken meines Publikums stand.

»Oh, wie schade«, schmollte Josefin und trank in einem Zug den Rest in ihrem Glas aus. Auch die anderen, die alle gebannt zugehört hatten, schienen sich zu erinnern, dass sie auf einem Fest waren. Langsam kam wieder Leben in die Menge.

»Wann geht’s weiter?«, erkundigte sich Marcus zu meinem Erstaunen. Ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt. Ich kann gar nicht genau sagen, wie, aber Interesse an Büchern hatte ich ihm nicht zugetraut.

»Äh ... Ich weiß es noch nicht. Es muss mir ja erst eine Fortsetzung einfallen.«

Er nickte. »Verstehe. Lass es mich wissen. Filip hat nicht übertrieben, als er sagte, du hättest Talent.«

Ich spürte, wie ich rot wurde, und warf Filip einen verstohlenen Blick zu. Er hatte meine Geschichten gelobt? Filip lächelte mich an. Amanda bekam eine steile Falte zwischen den Augen und warf sich ihm an den Hals.

»Nicht wahr, Darling, ich sagte doch, dass Isa Talent hat!«

Dabei schwang sie eines ihrer langen Beine über Filips Knie und platzierte ihren nicht vorhandenen Busen als Sichtschutz direkt vor seine Augen.

Ich war immer noch perplex über Marcus‘ Lob und hatte dies wohl zu deutlich gezeigt. Simon drängte sich in mein Blickfeld.

»Du warst wie immer atemberaubend«, raunte er mir zu. Vermutlich sollte es verführerisch rüberkommen. Stattdessen wurde ich in eine Alkoholfahne eingelullt. Marcus prostete mir grinsend zu. Er zeigte auf Simon und verdrehte kopfschüttelnd die Augen.

Ich wusste nicht so richtig, was ich tun sollte, also tat ich erst einmal gar nichts. Leicht benebelt saß ich da, meinen Schreibblock auf dem Schoß und ließ Simons Liebesschwüre an mir vorbeiziehen. Mit meinen Gedanken war ich woanders.

 

 

Erik starrte auf seinen Scanner, den er so festhielt, dass es ein Wunder war, dass er nicht zerbrach.

Auf dem Bildschirm ging die Party weiter, als wäre nichts Weltbewegendes passiert. Simon fuchtelte angetrunken vor Lovisas Gesicht herum, die Musik wurde noch lauter gedreht. Amanda knutschte ungehemmt mit Filip. Emilie und Josefin tanzten ausgelassen und bekamen gerade Unterstützung von Victor, Marcus und einigen anderen Gästen.

Weder Lovisa noch Erik registrierten die Einzelheiten des Treibens. Eriks Blick hing wie gebannt auf Lovisas Händen. Oder besser auf dem, was sie in den Händen hielt.

Sie hat die Gabe!

Die Erregung rauschte siedend heiß durch seinen Körper.

Aus welcher Linie? Ulrika oder Gunnar? Wenn es Ulrika war, hat sie es gut verborgen. Oder hat es eine Generation übersprungen? Ist so etwas überhaupt möglich?

Eriks Gedanken überschlugen sich. Er spürte, wie seine Tätowierung anfing zu brennen, als würde der Dolch tatsächlich Feuer fangen. Er fasste sich an die Brust, rieb den Pullover über der brennenden Narbe.

Sie ist eine Lil`Lu …

Nie hätte er sich träumen lassen, solch ein Glück zu haben. Das konnte die Rettung sein. Ganz abgesehen davon, dass er für solch einen Schatz seine Schwester mühelos würde freitauschen können, war Lovisa wertvoller für den Orden als jedes andere Geschöpf der Welt.

Erik strich sich aufgeregt über das Gesicht. Sie könnte das Blatt wenden. Das Tattoo brannte wie Feuer. Das Zeichen …

Doch dann traf ihn die Erkenntnis wie ein glühender Meteorit.

Sie kann nicht zurück! Sie hat die Energie dieses Universums …

 

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